Evaluation des traumapädagogischen Schulungsprojekts am Kinderheim St. Mauritz in Münster

Auftraggeber

Kinderheim St. Mauritz in Münster

Wissenschaftliche Durchführung

Die operative Durchführung des Projekts lag beim Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ).

Laufzeit

Die Laufzeit des Projekts betrug 3 Jahre (01.01.2009 – 31.12.2011).

Projekthintergrund

Zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010 führte das Kinderheim St. Mauritz in Münster einrichtungsintern ein Schulungsprojekt zum Thema Traumapädagogik durch. Zur Untersuchung der Effektivität wurde dieses Schulungsprojekt vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe evaluiert.  

Projektauftrag

Für die wissenschaftliche Evaluation des Schulungsprojekts wurden die folgenden zentralen Ziel- bzw. Fragestellungen ausgewählt:  

Kindbezogene Fragestellungen:

  1. Wodurch werden traumatisierte Kinder und Jugendliche stabiler?
  2. Welche Auswirkungen hat die traumapädagogische Arbeit auf Ressourcen bzw. Kompetenzen und Symptome bzw. Problemlagen der Kinder und Jugendlichen?

Mitarbeiterbezogene Fragestellungen:

  1. Kommt es durch das Schulungsprojekt zu einem Kompetenzzuwachs und einer Haltungsänderung bei den Mitarbeiter*innen?
  2. Kommt es durch das Schulungsprojekt zu einer Veränderung der subjektiven Belastung und der Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen?

Institutionsbezogene Fragestellungen:

  1. Welche organisatorischen Bedingungen wirken positiv/negativ auf die Arbeit mit (traumatisierten) Kindern und Jugendlichen?
  2. Welche konzeptionellen Standards sind notwendig für traumapädagogische Arbeit?

Projektergebnisse

Ausgangslage bei Schulungsbeginn (t1)

Die zu Schulungsbeginn in St. Mauritz betreuten Kinder und Jugendlichen weisen zu einem hohen Anteil traumatische Lebenserfahrungen auf (ja: 63 %, begründeter Verdacht: 25 %). Durchschnittlich liegt die Zahl bei rund 2 traumatischen Erlebnissen pro Kind/Jugendlichem. Dabei stehen Vernachlässigung bzw. Verwahrlosung (71 %) deutlich an der Spitze der Problematik, gefolgt von gewalttätigen Angriffen durch Personen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis (47 %). Jeder fünfte junge Mensch (20 %) ist in seinem Leben Opfer eines – ebenfalls durch eine Person aus dem Familien- oder Bekanntenkreis begangenen – sexuellen Missbrauchs geworden. 

Die Arbeit mit diesen zum Teil stark traumatisierten und in der Folge stark problembelasteten Kindern und Jugendlichen (soziale Unsicherheit: 67 %, Bindungs- bzw. Beziehungsstörungen: 54 %, Aggressivität: 49 %, depressives Verhalten: 40 % oder Dissozialität: 34 %) stellt für die betreffenden pädagogischen Fachkräfte eine enorme Belastungssituation dar. Dies zeigt sich u. a. in den Aussagen der Mitarbeiter*innen der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz bei Schulungsbeginn: 69 % empfinden durch ihre tägliche Arbeit eine hohe oder sogar sehr hohe psychische Belastung.

Sowohl im theoretischen Wissen zu traumapädagogikspezifischen Konzepten (z. B. innerer und äußerer sicherer Ort, Bindungsverhalten junger Menschen oder Schutz vor (Re-)Trau-matisierungen) als auch in praktischen Kompetenzen (z. B. Umgang mit Flashbacks oder Erkennen von Triggern bzw. von Bindungsproblemen von Kindern und Jugendlichen) weisen die pädagogischen Fachkräfte in St. Mauritz nach eigener Einschätzung zu Schulungsbeginn im Schnitt zwar befriedigende, aber noch deutlich optimierbare Fähigkeiten auf. Dementsprechend liegt der von den Mitarbeitern erwartete Nutzen des Schulungsprojekts sehr stark in der Erweiterung praktischer Kompetenzen (82 %) und im Zuwachs von theoretischem Wissen (78 %). Eine Abnahme der individuellen psychischen Belastung (26 %) sowie eine größere Zufriedenheit in der eigenen Arbeit (29 %) wird dagegen eher nicht angenommen.

Effekte auf Mitarbeiterebene

Die Veränderungsmessungen zwischen Beginn und Ende des Schulungsprojekts zeigen auf Mitarbeiterebene ein breites Spektrum deutlicher, in vielen Teilgebieten sogar sehr starker positiver Effekte (s. Abb. 1). 

Abb. 1: globale Schulungseffekte aus Sicht der pädagogischen Fachkräfte

In allen untersuchten Theoriebereichen zeigen sich bei den pädagogischen Fachkräften in der Selbsteinschätzung hoch signifikante (p = 0,000) Wissenszuwächse. Auch in allen untersuchten Teilaspekten der praktischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen liegen die selbst beurteilten Kompetenzen der Mitarbeiter*innen am Ende des Schulungsprojekts hoch signifikant über denen zu Schulungsbeginn. Erhärtet werden diese äußerst positiven Ergebnisse in der Selbsteinschätzung der Schulungsteilnehmer durch die Fremdeinschätzungen der Supervisoren, die den pädagogischen Fachkräften ebenfalls hoch signifikante Zuwächse sowohl im theoretischen Wissen (p = 0,001; d = 1,21) als auch in ihren praktischen Fähigkeiten im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen (p = 0,001; d = 1,41) attestieren.

Darüber hinaus zeigen die Evaluationsergebnisse ein offensichtlich sehr stark gewachsenes Verständnis der Mitarbeiter*innen für traumatisierte Kinder und Jugendliche. Sowohl in der Selbsteinschätzung der Fachkräfte (p = 0,000; d = 0,83) als auch in der Fremdeinschätzung der Supervisoren (p = 0,017; d = 1,20) zeigen sich hohe Zuwächse zwischen Schulungsbeginn und -ende. Die vor Beginn der Schulung erhoffte Haltungsänderung bei den Mitarber*innen hat sich demzufolge tatsächlich eingestellt.

Weniger effektiv war die Schulung dagegen in Bezug auf die individuelle psychische Belastung der Mitarbeiter*innen. Lediglich 20 % der an der Schulung beteiligten Fachkräfte benennen als Effekt eine Belastungsreduzierung und nur 10 % empfinden am Ende eine größere Zufriedenheit in der eigenen Arbeit. Auch aus Sicht der Supervisoren konnte die psychische Belastung der Mitarbeiter/innen kurzfristig nicht nachweisbar gesenkt werden (p = 0,598). Dies erfordert demnach offensichtlich einen über die Schulung hinaus länger andauernden Entwicklungsprozess, der von Seiten der Einrichtung im Rahmen der zukünftigen konzeptionellen Ausrichtung weiter im Fokus der Aufmerksamkeit stehen muss. 

Kindebene

Die in der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz betreuten Kinder und Jugendlichen fühlen sich nach eigener Einschätzung tendenziell besser von ihren Betreuern respektiert bzw. angenommen (p = 0,114; d = 0,25) und beschützt (p = 0,075; d = 0,27) und können mit ihnen signifikant besser über Erlebnisse und Gefühle reden (p = 0,002; d = 0,49). Weitere positive Effekte sind die signifikante Reduzierung länger anhaltender trauriger Phasen (p = 0,033; d = 0,31) sowie der tendenzielle Abbau von Schamgefühlen der Kinder und Jugendlichen für eigene schlimme Erlebnisse (p = 0,100; d = 0,25). Bestätigt werden diese positiven Effekte  durch die Fremdeinschätzungen der pädagogischen Fachkräfte: Traurige Phasen ohne unmittelbar erkennbaren Grund kommen bei den betreuten Kindern und Jugendlichen am Ende des Schulungsprojekts signifikant seltener vor (p = 0,041; d = 0,24) und  auch die unangemessenen Schamgefühle für Erlebnisse in der eigenen Vergangenheit konnten tendenziell reduziert werden (p = 0,096; d = 0,29).

Über diese traumaspezifischen Aspekte hinaus wurden im Rahmen der Untersuchung weitere Personen- bzw. Hilfemerkmale zur Analyse der Effektivität des Schulungsprojekts herangezogen. U. a. wurde ein Vergleich der Änderungen in der Effektivität der Jugendhilfemaßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz über den Verlauf der Schulung hinweg vorgenommen. So wurden Änderungen in verschiedenen EVAS-Effektmaßen für die Jahrgänge 2008, 2009 und 2010 miteinander verglichen. Dabei zeigen sich über diese Jahrgänge hinweg im Schnitt tendenzielle Zuwächse und damit Verbesserungen in allen Untersuchungsbereichen: Sowohl der Ressourcenaufbau als auch der Defizitabbau gelingen mit zunehmender Dauer der Schulung immer besser und somit fällt auch die Gesamteffektivität der untersuchten Hilfen zunehmend höher aus (s. Abb. 2). 

Abb. 2: Jahreskohortenspezifische Änderungen der EVAS-Effektmaße im Vergleich zum Schulungsbeginn 2008

Diese Veränderungen sind allerdings statistisch nicht signifikant (p > .05) und können daher lediglich als tendenzielle Hinweise auf mittelbare Schulungseffekte auf Kindebene betrachtet werden. Zur wissenschaftlichen Absicherung ist eine weitere kontinuierliche Analyse der Effektivität der Hilfemaßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz erforderlich.

Publikation

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden am 20.10.2011 in Münster im Rahmen der Fachtagung „Traumapädagogik – ein hoffnungsvoller Weg in der stationären Jugendhilfe“ der Fachöffentlichkeit vorgestellt. 

Darüber hinaus wurde ein Artikel über Konzeption, Umsetzung und Evaluationsergebnisse des Projekts unter dem Titel „Schulungsprojekt Traumapädagogik als Antwort auf Traumafolgestör untergebrachten Jungen und Mädchen: Die St. Mauritz KJH Münster macht sich auf den Weg“ in der Zeitschrift Unsere Jugend, Ausgabe 1/2014, veröffentlicht. 

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Projektleitung

Joachim Klein

Auswertung und Entwicklung